Ich schlendere durch den Gang im Supermarkt, total motiviert und neugierig. Endlich ist der Paleo-Trend auch bei mir angekommen und ich möchte den Selbstversuch wagen. Und zwar die Kurzversion: Eine Woche lang. Da auch mir das Wort und seine richtige Betonung anfänglich ein großes Fragezeichen auf die Stirn gezaubert haben, will ich zunächst kurz erklären, was hinter den fünf Trendbuchstaben steckt: Paleo steht kurz für das Paläolithikum, die Altsteinzeit – daher auch Synonyme wie Steinzeit-Diät oder Steinzeit-Ernährung. Doch dass sich hinter dem Hype mehr verbirgt als eine Diät für die Bikini-Figur, gar eine richtige Lebenseinstellung, wird mir schnell klar. Denn ganz grundsätzlich geht es darum, die Ernährungsweise unserer Vorfahren, der Jäger und Sammler, nachzuahmen. Dass das im wahrsten Sinne des Wortes kein Zuckerschlecken werden wird, liegt auf der Hand.

Unser tägliches Fleisch gib‘ uns heute Mein Kauf für den ersten Tag führt mich direkt an die Fleischtheke. Wenn etwas früher nicht zu kurz kommen durfte, dann war es tierisches Fett und Eiweiß. Bei der Frau in der weißen Schürze vergewissere ich mich: „Ist das bio?“. Denn mein Paleo-Plan möchte Gewissheit. Schließlich wurden die Tiere in der Steinzeit auch nicht mit Antibiotika vollgepumpt. Daher gilt: Pfoten weg von allem, was industriell verarbeitet und nicht mehr Natur pur ist. Denn das zukünftige Steak soll in seinem ersten Leben als Rind glücklich auf einer Wiese getobt und nur natürliches und hochwertiges Futter vertilgt haben. Auch Massentierhaltung ist ein Tabu. Diesem Grundsatz kann ich auch als nicht Paleoaner ohne Wenn- und Aber zustimmen. Mit dem Gedanken an den ziemlich hohen Fleischkonsum muss ich mich allerdings erst noch anfreunden. Und mein Geldbeutel auch. Allein das Biofleisch wird mir gleich an der Kasse wohl ein etwas größeres Loch als üblich in meine Geldbörse reißen.

Ohne Fleiß kein Essen! Beim Start in den zweiten Tag kommt nun das erste paleo-taugliche Frühstück auf mich zu. Und das ohne Kuh- oder Sojamilch und Frischkäse. Das gestaltet sich für mich als einer von vielen Laktose-intoleranten Menschen auf den ersten Blick nicht sonderlich schwierig. Als Alternative mache ich mir Mandelmilch in meine Müslischale –äußerst sparsam. Denn die Pflanzenmilch ist mit das teuerste, was das Kühlregal im Supermarkt bietet. Der Geschmack überzeugt. Eine deftige Paleo-Pfanne mit Speck und Ei – die würde mein Magen um 6.15 Uhr nicht vertragen. Das überlasse ich den Hardcore-Paleoanern! Dank meines gestrigen Motivationswahns habe ich mein eigenes Müsli schon parat und muss meine knapp bemessene Zeit am Morgen nicht opfern. Haselnüsse, Mandeln, Cranberries, Kokosflocken und jede Menge Waldbeeren kommen in meine Schale. Haferflocken und Cornflakes bleiben unberührt, denn sie enthalten Gluten. Da das Klebereiweiß unter anderem in allen Weizenprodukten versteckt ist – ja, auch in der Pasta vom Italiener und im Sonntagscroissant – muss man hier die größten Abstriche machen. Wer ohnehin auf Gluten verzichten muss, so wie ich, der darf dennoch nicht blind zu Ersatzprodukten greifen: Auch die Nudeln aus Maismehl und das Brot auf Reismehlbasis sind verboten. Das schreit nach viel Zeit und Aufwand in der Küche: Zwar entpuppt sich das selbstgebackene Abendrot aus Kokos- und Leinsamenmehl als schmackhaft. Doch auch noch die Konfitüre einkochen – ohne industriellen Zucker natürlich – das ist mir heute zu viel des Guten. Da greife ich lieber tiefer in die Tasche – es ist ja nur eine Woche, denke ich mir und falle über das Aufstrich-Regal im Bio-Laden her.

Weil mir am vierten Tag die ganze Angelegenheit etwas sehr „fleischig“ wird, muss ich schon wieder meinen bunten Gemüsevorrat aufstocken. Neben Fleisch, Fisch und Ei als Proteinquellen sollen vor allem Gemüse, Obst und gesunde Fette auf den Paleo-Teller. Zu letzteren zählen Ghee (geklärte Butter), Kokosfett aber auch Nussöle, Speck und Schmalz. Olivenöl und Rapsöl müssen auf Grund der industriellen Verarbeitung gemieden werden. Das habe ich bei meinem Einkauf leider nicht bedacht und hatte am Abend Fisch auf der Gabel, der leicht nach Kokos duftete. Kein zweites Mal! Und so wird mir nach und nach bewusst, wie hart die Umstellung ist. Ich überlege kurz, ob ich einen Rückzieher wagen und die Steinzeit-Gene in mir ignorieren soll. Schließlich behauptet der ein oder andere Wissenschaftler auch, dass wir heute weit entfernt von dem sind, wonach Körper und Geist im Paläolithikum verlangt haben. Und beim Durchforsten des Internets merke ich, dass ich nur über ein „geballtes Halbwissen“ verfüge. Zu meiner Verteidigung sei angemerkt, dass selbst Paleo-Gurus zum Teil darüber streiten, ob man Kartoffeln und Reis essen darf oder nicht. Aber nein, mein Entschluss steht fest. Immerhin fühle ich mich total fit und gut. Eine Chance hat der Paleo-Trend, zumindest bei mir, verdient.

Fazit An Tag sieben packe ich dann zum letzten Mal nur Paleo-Schmaus vom Einkaufswagen in meinen Kofferraum – zuversichtlich: Da die meisten Lebensmittel vergleichsweise lange haltbar sind, wird sich das Ungleichgewicht in meinem Geldbeutel wenigstens etwas glätten. Außerdem habe ich mir vorgenommen, auch in nächster Zeit mehr auf alternative und naturbelassene Lebensmittel zurückzugreifen. Was ich nicht weiterführen werde und auch nicht strikt konnte, ist der hohe Fleischkonsum. Außerdem werde ich mir selbst wieder Nudeln und Brot aus alternativem Mehl kaufen. Ich kann und will nicht jeden dritten Abend stundenlang den Kochlöffel schwingen. So ganz einfach und alltagstauglich ist die Paleo Ernährung zumindest in meinem Alltag nicht. Integrieren lässt sie sich aber auf jeden Fall. Und was sich in der kurzen Zeit als Lohn für mein Durchhaltevermögen auszahlt, ist ein deutlich klareres Hautbild. Müde bin ich nicht und hungern muss ich auch nicht. Ich fühl mich fit. Also kein Vergleich zu Kohlsuppen-Diät und ihren Freunden.

 

Von Lisa Jäger